Sprache und Macht

Eine Herausforderung im Seminar war, dass wir bei der Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus, häufig auf eurozentristisches, rassistisches Quellenmaterial, das aus der Perspektive der Kolonisator_innen verfasst wurde, zurückgreifen mussten. Das darin enthaltene Wissen ist nicht „objektiv“ und „neutral“, sondern versucht über eine bewusste oder unbewusste Irreführung weiße deutsche Herrschaft zu legitimieren und durchzusetzen. In diesen Texten wird koloniale Gewalt häufig heroisiert und relativiert: Die Kolonisator_innen werden als „heldenhafte Pioniere“ skizziert, während die Kolonisierten, lediglich als homogene Gruppe und nicht als Einzelpersonen und politische Akteur_innen vorkommen. Umso wichtiger ist es, sich die Frage zu stellen, warum weiße Veröffentlichungen zum Thema, das „Gedenken“ an den Kolonialismus dominieren und warum an deutschen Hochschulen keine Archivierung und Kanonisierung von den Schriften und Stimmen der kolonisierten Widerstandskämpfer_innen erfolgt.

Für einen kritischen Umgang mit diesen bevormundenden und einseitigen Quellen, ist eine Auseinandersetzung mit Sprache und Macht genauso zwingend erforderlich, wie eine persönliche Positionierung in der deutschen Gegenwart. Denn wenn wir kommunizieren, sind wir als ganze Person anwesend, mit unserer Vorgeschichte und unserer sozialen Position. Aufmerksam zu sein für Differenzen und Machtstrukturen ist elementar in einem Dialog, in dem Gewalt und die Re_produktion von diskrimminierenden Inhalten vermieden werden soll.

Denn Sprache ist niemals neutral und bildet einfach nur ab. Sie ist das Resultat und gleichzeitig der Motor bestimmter gesellschaftlicher Denk- und Handlungsweisen. Sie beeinflusst und formt Realitäten und ist geprägt vom jeweiligen Weltbild und der Vorgeschichte der jeweils sprechenden Person. Begriffe und Bezeichnungen können nie isoliert und unabhängig von den Kontexten, in denen sie verwendet wurden und von den gesellschaftlichen Prozessen, die sie durchgemacht haben, betrachtet werden. In einem einzelnen Wort schwingen etliche Assoziationen mit. Sprache kann Menschen beleidigen und verletzen. Der eigene Sprachgebrauch und dementsprechend die Sprache selbst sind allerdings dynamisch und veränderbar. Als Person und/oder Institution haben wir die Möglichkeit uns mit der Herkunft und Bedeutung von Begriffen zu konfrontieren und zu fordern bzw. zu akzeptieren bestimmte Wörter nicht (mehr) zu benutzen und neue Begriffe zu finden. Außerdem geht insbesondere für weiße Personen darum, nicht an der eigenen Definitionsmacht festzuhalten und Menschen mit Rassismuserfahrung selbst entscheiden zu lassen ob eine Sprachhandlung, ein Begriff bzw. eine Aussage als rassistisch empfunden wird oder nicht.

Sprache und Kolonialrassismus: Wie werden Ereignisse und Menschen bezeichnet und was ist eigentlich passiert?

Zivilisierung:

Herabsetzung von nicht-weißem Wissen nicht-weißen  Praxen als “wild”, “primitiv” und “rückständig”. Dies dient zum Zwecke der Konstruktion einer vermeintlichen Notwendigkeit und Legitimität, diese zu belehren und zu beherrschen. Zivilisierung wird häufig als positive, humanitäre Tätigkeit dargestellt, dabei handelt(e) es sich um eine brutalen Eingriff in das Leben derer, die „zivilisiert“ werden sollten. Ein Beispiel hierfür ist die Verbreitung von Christentum und westlichen Erziehungssystemen (unter anderem europäisch strukturierte Geschlechterverhältnisse). Daraus resultiert die weltweite Verbreitung europäischer Wissenssysteme und die Einflussnahme und Manipulation auf die Identitätskonstruktion und Denkweise, der (ehemaligen) Kolonisator_innen und der (ehemaligen) Kolonisierten. Häufig übernahmen auch deutsche weiße Frauen die Verantwortung für die sogenannte Erziehung der Kolonisierten zur Arbeit und „Sittenhaftigkeit“. Weiße Frauen wurden somit zu Trägerinnen deutscher Kultur und Tugend stilisiert und sollten diese den Kolonisierten vermitteln. ( Siehe hierzu: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, koloniale Diskurse über Geschlecht, Klasse und „Rasse“ im Kaiserreich, Katharina Walgenbach)

Missionar_innen:

“Legitimiert wurde die europäische Expansion und Herrschaft zunächst durch die christliche Kirche.” (Walgenbach: 379) Die Missionar_innen beteiligten sich aktiv an der Unterwerfung und “Umerziehung” der kolonisierten Bewohner_innen. Sie nötigten ihnen die deutsche Kultur und den christlichen Glauben auf, mit dem Ziel psychologischer Einflussnahme und der Spaltung von Gemeinschaften.

Entdeckungsreisen, Entdecker_innen, Erober_innen:

Diese Begriffe reproduzieren die rassistische Annahme, dass eine Region, die nicht von Weißen definiert und kontrolliert wird „unerforscht“, namens- und geschichtslos sei. Weiße „Entdeckungen“ bestimmter Gebiete durch Kolonialisator_innen, bereiteten die folgende Eroberung, die ökonomische Ausbeutung von Rohstoffen und Wissen und die Versklavung von den dort lebenden Menschen vor. Weiße Deutsche waren schon lange vor Deutschlands offizieller Kolonialzeit, als „Forschungsreisende“, Seefahrer_innen und Finanziers an kolonialen Aktivitäten beteiligt.

Schutzverträge, Schutzgebiete, Schutztruppen:  

Sogennante Schutzverträge die mit Bewohner_innen der kolonialisierten Gebiete abgeschlossen wurden, dienten hauptsächlich der Legitimierung deutscher Interessen gegenüber anderen Kolonial“mächten“.

Die Verträge versprachen den Bewohner_innen zukünftiger Kolonien angeblichen “Schutz” durch das deutsche Reich vor der Bedrohung durch andere Kolonial“mächte“; im Gegenzug sollte der deutsche Kaiser als oberster Herrscher anerkannt werden. Es handelte sich um Verträge welche durch eine Umschreibung, durch Betrug, Gier, Täuschung und unter Gewaltandrohung erwirkt wurden und eine unrechtmäßige Landeinnahme darstellen. Diese Verträge, welche unter dem Deckmantel von „Schutz“ abgeschlossen wurden, bezogen sich in keinster Weise auf den Schutz von den kolonisierten Menschen vor Gewalt und anderen europäischen Kolonialmächten. Viel mehr beinhalteten diese Vertrage den Schutz von deutschen Machtansprüchen und -erhaltung und die Grundlage und Legitimation von Ausbeutung zur Stärkung der eigenen Wirtschaftskraft.

‚Schutztruppe‘ war die offizielle Bezeichnung des Deutschen Reiches für die militärischen Einheiten in den kolonisierten Besatzungsgebieten in Afrika von 1891 bis 1918. Unabhängig von der Entstehung des Begriffs, ist dieser euphemistisch und verschleiernd, da Menschen in den annektierten Gebieten nicht durch diese bewaffneten Kolonialstreitkräfte oder Kolonialarmeen beschützt wurden. Diese Einheiten waren beteiligt an Ausbeutung, Unterdrückung und Genoziden.
Der Begriff ‚Schutzgebiet‘ bezeichnet ein kolonialisiertes Besatzungsgebiet, welches angeblich Schutz benötige. Der Begriff verschleiert und verzerrt koloniale Machtverhältnisse und verdreht die „Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse in ein Schutzverhältnis“ (Freese 2015: 696)

Eingeborene, authentisch, primitiv, exotisch, ursprünglich…:

Diese Bezeichnungen für Bewohner_innen des globalen Südens sind Fremdbezeichnungen und repräsentativ für eine weiße Wahrnehmung, der bezeichneten Subjekte. Diese Bezeichnungen basieren auf der Grundlage des rassistischen Konzepts nach denen das Leben im globalen Süden einen menschlichen “Urzustand” darstellt und weniger “entwickelt” wäre als in Europa. In Abgrenzung zu diesen Zuschreibungen konstruiert sich die westliche Welt als “modern” und “fortschrittlich”. Über diese Art der Wahrnehmung werden gleichzeitig Armut, Ausbeutung und Übergriffe auf souveräne Gebiete und Bevölkerungsgruppen naturalisiert und/oder als alternativlos betrachtet.

Entwicklungshilfe:

Der Term suggeriert die Rückständigkeit und Unterlegenheit bestimmter Regionen und deren Abhängigkeit von Unterstützung von außen. „Entwicklungshilfe“ dient häufig der Zwangsintegration bestimmter Regionen in den Weltmarkt, der Erschließung von Absatzmärkten und der Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen.

Weiterlesen:

http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/

  • Kien Nghi Ha (2011): People of Colour. in: Nduka-Agwu, Adibeli; Hornscheidt, Lann: Rassismus auf gut Deutsch. Frankfurt a.Main: Brandes & Apsel. S. 80 – 84.
  • Dean, Jasmin (2011): People of Colour. in: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Münster: Unrast Verlag. S. 597 – 607.
  • al-Samarai, Nicola Lauré (2011): Schwarze Deutsche. in: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Münster: Unrast Verlag. S. 607 – 613.

Impulsfragen für einen kritischen Sprachgebrauch in der Uni und überhaupt:

Würde ich die verwendeten Begriffe auch für ähnliche Erscheinungen bzw. Ereignisse in einem westlichen/europäischen Kontext verwenden? Bestehe ich auf demütigende Ausdrucksweisen im Namen der Wissenschaft?

Welche wissenschaftlichen Perspektiven kenne ich und betrachte ich als neutral und vertrauenswürdig? Warum?

Markiere ich in meinen Erzählungen und Aussagen, von welcher Position aus gesprochen wird und wen ich adressiere? Markiere ich weiße Personen und deren Texte als solche?

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