Deutsche Kolonialgeschichte

„Wissen und Bewusstsein über Folgen des Kolonialismus sind gering: die weiße deutsche Gesellschaft leidet unter kolonialer Amnesie.“

(Aikins/ Hoppe 2015: 524)

Inhaltsverzeichnis

***Bitte berücksichtigt auch die Rubrik „Sprache und Macht“, bevor ihr hier weiterlest!

  • Ein Überblick?
  • Zeitleiste
  • Was wurde von Deutschland geraubt?
  • Mit welchen Mitteln wurden die Bewohner_innen der Kolonien überwältigt und unterdrückt?
  • ‚Deutsch-Südwestafrika‘ (koloniale Fremdbezeichnung, heute:Namibia!)
  • Der Aufstand der Herero und Nama
  • ‚Deutsch-Ostafrika‘ (koloniale Fremdbezeichnung, heute: Tansania (ohne Sansibar), Burundi und Ruanda sowie einen kleiner Teil Mosambiks!)
  • Der Maji-Maji Aufstand
  • Kamerun
  • Togo

Ein Überblick?

Die deutsche Kolonialgeschichte wird in deutschen Bildungsinstitutionen und Medien häufig verharmlost und als kurz und unbedeutend beschrieben. Dabei waren Deutsche lange vor Deutschalnds offizieller Kolonialgeschichte […] ökonomisch, politisch und kulturell mit der europäischen Geschichte des Kolonialismus und Versklavung von Menschen verbunden. So waren beispielsweise Hamburger See- und Kaufleute spätestens seit Mitte des 17. Jahrhunderts im Handel mit versklavten Menschen aktiv (vgl. Walgenbach: 378).

Unter dieser Rubrik möchten wir euch einen Einblick in die Seminarinhalte zur deutschen Kolonialgeschichte ermöglichen. Die hier geteilten Informationen wurden von unserer Dozentin, anderen Kursteilnehmer_innen und uns erarbeitet.

An dieser Stelle soll auch erwähnt werden, dass in vielen Geschichtsbüchern und Fachliteraturen im Zusammenhang mit deutscher Kolonialgeschichte, Länder wie Tansania und Namibia weiterhin als “Deutsch-Ostafrіka” und “Deutsch-Südwestafrika“ bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen stellen koloniale Namensgebungen dar und gehören gänzlich gestrichen. Der Begriff „Schutztruppe“ wird beispielsweise gänzlich unreflektiert verwendet. Er gilt als Bestandteil einer Legitimierungsstrategie zur Ausbeutung und Unterdrückung und enthält eine sprachlich ideologische Komponente, in welcher ein vermeintlicher Schutz der Bevölkerung vermittelt werden soll.

Nicht alle kolonialen Übergriffe Deutschlands werden hier einzeln genannt und dennoch soll ein Eindruck davon vermittelt werden, welches Ausmaß der deutsche Kolonialismus eigentlich hatte und dazu anregen, weiterzulesen! Sicher ist auch hier unsere Art der Auswahl von unserer weißen Positionierung beeinflusst. Für Kritik und Änderungsvorschläge sind wir offen und dankbar.

Weiterlesen könnt ihr zum Beispiel unter:

freiburg-postkolonial.de

*** Das Seminar war zweisprachig, es wurde auf Englisch und Deutsch gelesen und diskutiert, darum sind auf dieser Seite momentan manche Informationen auf Englisch, manche auf Deutsch zu finden. Eine vollständige Übersetzung der Website ist in Arbeit.

Literatur:
Walgenbach, Katharina (2009): ‘Weißsein’ und ‘Deutschsein’ – Historische Interdependenzen, in: Arndt, Susan/ Eggers, Maureen Maisha/ Kilomba, Grada / Piesche, Peggy (Hg.), Mythen, Masken und Subjekte, Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster: Unrast Verlag, 2. Aufl., S. 377-393.
Aikins, Joshua Kwesi/ Hoppe, Rosa (2015): Straßennamen als Wegweiser für eine postkoloniale Erinnerung in Deutschland, in: Arndt, Susan/ Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.), Wie Rassismus aus Wörter spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast Verlag, 1. Aufl., S.521-538.

Zeitleiste

vor Christus
germanische Stämme verlassen den Ostseeraum und die dänischen Inseln und ziehen nach Süden, um dort ins Römische Reich einzudringen
1499
Vertreter der Augsburger Handelshäuser Fugger und Welser begleiten Pedro Alvarez Cabral, der mit 13 Schiffen versucht nach Indien zu reisen, jedoch in Brasilien landet
1500 bis 1600
Fugger, Welser und andere Handelshäuser finanzieren königlich-portugiesische “Indien Expedition”
Welser schließen Verträge mit Spanien ab, aufgrund derer sie deutsche Bergleute nach Venezuela verschiffen, ebenso verschiffen sie 4000 versklavte Menschen von Guinea nach Nordamerika
Von den Welsern eingesetzte Statthalter dringen auf der Suche nach Edelmetallen, die sie erbeuten können, ins Landesinnere von Venezuela vor.
Den Welsern werden schließlich aufgrund ihres ausbeuterischen Handels, von Spanien alle Konzessionrechte entzogen.
1675
Friedrich Wilhelm, „der große Kurfürst“ von Brandenburg, aus dem Hause Hohenzollern baut sich Kriegsflotte auf.
Der niederländische Schiffsreeder Benjamin Raule tritt als Berater in den kurfürstlichen Dienst und baut die kurbrandenburgische Kriegsmarine und das erste brandenburgische Kolonialunternehmen auf.
1683
Die Brandeburgisch-Afrikanische Handelsgesellschaft betreibt im Rahmen ihrer kolonialen Tätigkeiten Handel mit versklavten Menschen.
1751
Friedrich der Große beteiligt sich an der in Emden gegründeten Asiatisch-Chinesischen Handelsgesellschaft.
18. und 19. Jahrhundert
Entwicklung von „wissenschaftlichem Rassismus“ an europäischen Universitäten: In Disziplinen wie Biologie, Medizin, Philosophie kam es zur „wissenschaftlichen Erfindung von ‘Rassen’“ (Walgenbach 2009: 379) kolonialrassistische Wissenschaftler sind beispielsweise: Carl von Linné, Johann Friedrich Blumenbach, Arthur de Gobineau, Houston Stewart Chamberlain, Charles Darwin, Immanuel Kant (u.a.)
1820
In Brasilien entstehen deutsche Siedlungen.
1844
Um die Jahrhundertmitte gründeten Hamburger und Bremer Kaufleute an verschiedenen Stellen des späteren deutschen „Schutzgebietes Togo“ Faktoreien
Das Hamburger Handelshaus Woermann errichtet an der südlichen Kamerunküste in Batanga eine Niederlassung.
1859
Preußen gründet am Jadebusen den Kriegshafen Wilhelmshaven. Es entsendet eine, aus drei Schiffen bestehende, Expedition nach Ostasien, wo sie Handelverträge abschließen sollen.
1860
Goddefroy nimmt auf Samoa den Koprahandel auf und legt Kokosplantagen an. Ausdehnung auf weitere Gebiete Ozeaniens, Mikronesien und Melanesien.
Zu gleicher Zeit dehnt ein anderes Unternehmen, Hernsheim und Komp, seine Tätigkeit auf die Karolinen, die Marshall- und Gilbert-Inseln und Makadu aus.
1876
Bismarck lässt mit dem König von Tonga Verträge schließen.
1879
Gleiche Verträge werden mit den Bewohner_innen der Samoa-Inseln geschlossen.
1882
In Frankfurt am Main wird der Deutsche Kolonialverein gegründet.
1884
Bei einer, von Frankreich und Deutschland einberufenen, Konferenz (sogenannte Kongo-Konferenz) vom 15.11.1884-26.2.1885 treffen sich die Kolonialstaaten in Berlin, um unter den europäischen Kolonisator_innen Land aufzuteilen und Absprachen bezüglich Siedlungen, Handel und Zöllen zu treffen. Deutschland möchte sich bei der Konferenz Prestige und Einfluss sichern.
Formalisierung des deutschen Kolonialismus: Kolonien wurden offiziell vom Deutschen Staat als Eigentum erklärt und Kolonialisator_innen militärisch, politisch und finanziell unterstützt.
1884-1890: Offizielle Aneignung von Kolonien
1884
Deklaration vom heutigen Namibia und allen Inseln Mikronesiens, dem polynesischen Samoa, den nordöstlichen Teil der Insel Neuguinea (wurde benannt als „Kaiser-Wilhelmsland“), und den „Bismarckarchipel“( Inselgruppe die heute zum Staat Papua-Neuguinea gehört) zur deutschen Kolonie
1891
offizielle “Gründung” der Kolonie Deutsch-Ostafrika
Es wurden Firmen angeheuert, um die Kolonien zu verwalten. Bismarck erhoffte sich davon, die Verantwortung für die deutsche Regierung gering zu halten. Die Firmen waren ausschließlich an kurzfristigem Profit orientiert.
1890-1906
Mantra der aggressiven „Weltpolitik“ (damals die gängige Bezeichnung Deutscher Außenpolitik): ökonomischer Imperialismus und politische, kulturelle Einflussnahme, Expansion deutscher Industrie, Sicherung von Absatzmärkten und Rohstoffen
Bismarcks Rücktritt: Die Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt wird dem Reichskanzler unterstellt.
In den Kolonien kommt es zur militärischen Auseinandersetzung zwischen Deutschen und der indigenen Bevölkerung, welche Widerstand gegen das Kolonialregime leisten.
Die Verwaltung der Kolonien wurde oft Armeeoffizieren übertragen.
1904
Genozid an den Herero und Nama in Südwestafrika durch den Vernichtungsbefehl von Lothar von Trotha!
1905-1907
Maji-Maji Aufstand: Guerillakrieg gegen die deutschen Besatzer_innen in Süd-Ostafrika
1907
Gründung des Reichskolonialamtes (Staatssekretär: Bernard Dernburg). Die frühere Kolonialabteilung wird somite in eine eigenständige Behörde umgewandelt.
1914-1918
Der Erste Weltkrieg umfasste zahlreich Kriegsschauplätze außerhalb Europas:
Britische und französische Truppen besetzten Togo (Kapitulation der deutschen Truppen am 26. August 1914) und eroberten Kamerun (Kapitulation am 18. Februar 1916).
Samoa und „Deutsch-Neuguinea“ wurden im Herbst 1914 von neuseeländischen und australischen Streitkräften besetzt. Die übrigen deutschen Kolonien in der Südsee eignete sich die Japan an, und Tsingtao kapitulierte nach kurzer japanischer Belagerung am 7. November 1914.
1919
Gemäß des Versailler Vertrags nach dem Ersten Weltkrieg, werden die Kolonien unter europäischen Kolonial“mächten“ neu verteilt. Antikolonialer Widerstand und Einsprüche der Kolonisierten wurden nicht beachtet. Südwestafrika und der größte Teil von Deutsch-Ostafrika wurde zu Großbritanniens Kolonie, Urundi und Ruanda gehen an Belgien, Kamerun und Togoland werden unter Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Australien sichert sich Neu-Guinea, „Bismarck archipelago“, Neuseeland fällt Samoa zu. Japan gewann Kia Chow und Inseln nördlich des Äquators.


Was wurde geraubt?

  • Körper: Ausbeutung von Arbeitskraft durch Versklavung, Durchführung „wissenschaftlicher Experimente“ mit Menschenversuchen beispielsweise durch Robert Koch (11.12.1843 – 27.05.1910): weißer Mediziner und Mikrobiologe, welcher mit den Ergebnissen seiner Forschung1 (unethische, lebensgefährliche Experimente ohne Zustimmung der kolonisierten Personen) einen bedeutenden Teil zur gewalttätigen und rassistischen deutschen Kolonisierung von Gebieten in Afrika und der Südsee beitrug und damit die imperialistischen Ziele Deutschlands (z.B. Streben nach „Platz an der Sonne“) unterstützte!
  • Wissen: Kulturtechniken, Medizin, Religiöse und kulturelle Praktiken, landwirtschaftliche Anbautechniken, Kunst, …
  • Agrarland, Tiere, …
  • Erschließung von Exportmärkten
  • Rohstoffe (die Liste ist bestimmt nicht vollständig!): Kamerun und Togo – Gummi, Elfenbein, Palmöl, Bananen, Baumwolle, Sisalhanf,  Kaffee,  Tierhäute;  Südwest Afrika – Diamanten, Kupfer, Rinderherden, Wolle; China – Gold, Silber; Pazifik – Phosphor, Kokosöl, Palmöl

Mit welchen Mitteln wurden die Bewohner_innen der Kolonien unterworfen?

  • Instrumentalisierung bestehender Konflikte zwischen verschiedenen indigenen Bevölkerungsgruppen zur Durchführung des Herrschaftsprinzipsrinzips „Teile und Herrsche“.
  • Stratifizierung der Gesellschaften durch die Errichtung von Schulen und Ausbildungszentren.
  • Zwangsarbeit/Versklavung von Menschen:
Aufgrund der äußerst schlechten Arbeitsbedingungen der Kolonisator_innen, wollte die indigene Bevölkerung nicht bei diesen arbeiten. Die Deutschen stellten daraufhin die rassistische Behauptung auf die indigene Bevölkerung sei faul. Es folgten grausame Nötigungsmaßnahmen, um Bewohner_innen zur Arbeit zu zwingen:
Der Zwang in die Lohnarbeit
Durch die Einführung von Passgesetzen, bspw. die „Eingeborenenverordnungen“ von 1907 in Namibia, werden die Menschen ihrer Freizügigkeit und damit ihrer Existenzgrundlage beraubt. Auf diese Weise werden sie in die „Lohnarbeit“ gezwungen. Auch das Verbot von Landerwerb und Viehhaltung und die Aufzwängung eines Steuersystems wurden von den deutschen Besatzer_innen mit derselben Zielsetzung durchgesetzt.
Nicht nur durch strukturelle Veränderungen wurden die Kolonisierten zur Arbeit genötigt. Brutale Arbeiter_innenanwerbemethoden, die von Erpressung bis Brandstiftung und Entführung reichten, standen unter den deutschen Besatzer_innen an der Tagesordnung. Ein Beispiel hierfür ist das „Dorfschamben“-System in Ostafrika, in dem Arbeitszwang und Anbauzwang kombiniert wurde, um den Europäer_innen bestimmte Produkte zuzusichern.
Auch vor dem Einsatz von Kriegsgefangenen, darunter viele Frauen und Kinder, wurde kein Halt gemacht.
Auswirkungen der Zwangsarbeit :
Verlust persönlicher Unabhängigkeit
Versklavung
Ausfall der eigenen, privaten wirtschaftlichen Tätigkeiten, resultierend in der strukturellen Zerstörung von Subsistenzwirtschaft
Bei Nichterfüllung der Aufgaben wurden die versklavten Menschen ausgepeitscht und eingesperrt. (In Deutschland war zu diesem Zeitpunkt die Prügelstrafe schon abgeschafft.)
Die Arbeitsbedingungen in den Kolonien insgesamt waren häufig so schlecht und der brutalen Willkür der Arbeitgeber_innen keine legalen Grenzen gesetzt, so wurden viele Arbeiter_innen umgebracht oder starben an den gesundheitlichen Folgen.
  • Psychologische Einflussnahme durch „Missionierung“ und „Zivilisierung“.
  • Brutale Kriegsführung gegen die Bevölkerung, die in Deutschland als eine Art „Notwehr“  gegen den Widerstand der indigenen Bevölkerung dargestellt wurde.  (Dass die eigentliche Kriegshandlung die Kolonisierung selbst war, wurde vertuscht.)
  • Durch die Konzeptualisierung und Durchführung von Kriegsstrategien, die Deutschland später auch in der NS-Zeit anwendete.
Ein Beispiel hierfür sind  Konzentrationslager, als Lager in denen erkrankte Schwarze Menschen zwangsweise interniert wurden, Neben der Freiheitsberaubung wurden an ihnen medizinische Versuche durchgeführt und sie wurden zur Zwangsarbeit genötigt.

„Deutsch-Südwestafrika“

Quelle: Handout: Smith, Woodruff D. (1978, weißer Wissenschaftler): South-West Africa,1885 – 1907. White man’s country and the roots of genocide. in: ders.: The German Colonial Empire. University of North Carolina Press,S. 51 – 65.

 Heute: Namibia, flächenmäßig die größte Kolonie des deutschen Reiches mit den meisten deutschen Siedler_innen

•1884 Deklaration als deutsches „Schutzgebiet“

Lokale Bevölkerungsgruppen:

Herero: (bewohnten das zentrale Südwestafrika; züchteten Rinder; wiederkehrende Konflikte mit Nama (u.a. um Weideland); sprechen Bantu-Sprache

Nama: bewohnten den Süden Südwestafrikas; Viehzüchter*innen; wiederkehrende Konflikte mit Herero; sprechen Khoisan-Sprache

Ovambo: bewohnten den Norden Südwestafrikas; geprägt durch Landwirtschaft; sprechen Bantu-Sprache

Anfänge der kolonialen Aktivitäten Deutschlands:

• Schon vor 1884 waren Deutsche als Teil von „Expeditionen“, als Kaufleute oder als Missionar_innen in den Gebieten des späteren Deutsch-Südwestafrika

• Versuch der Etablierung deutscher Herrschaft durch das Prinzip „Teile und Herrsche“ Instrumentalisierung des Konflikts zwischen Herero und Nama: Aufrechterhaltung eines formalen, aber angespannten Friedensschluss zwischen Herero und Nama zum Aufbau und Absicherung einer deutschen Autorität

1885 Vertragsabschluss zwischen Samuel Maherero für die Herero und Heinrich Goering fur das deutsche Reich, erst 1894 unterzeichnet Hendrik Witbooi fur die Nama einen Vertrag mit den Deutschen

• ökonomische Bestrebungen der deutschen Kolonisator_innen: Suche nach Bodenschätzen im Landesinneren und Schaffung von guten Konditionen fur die Deutsche Kolonialgesellschaft für Süd-West Afrika (DKGfSWA)

aber: weder die Ausnutzung des Konfliktes noch die ökonomischen Bestrebungen zeigten die erwünschten Effekte. Nama führen einen Guerilla-Krieg gegen deutsche Besatzung und für ökonomische Ausbeutung fehlten Kapital und Arbeitskrafte.

Dadurch gewann Siedlungspolitik an Bedeutung:

• Deutsch-Südwestafrika wurde als einzige potentielle deutsche Siedlungskolonie betrachtet

• ab 1890 kommen vermehrt Deutsche als Farmer_innen, ab Ende der 90er gab es eine aktive Anwerbung von weißen Siedler_innen im deutschen Reich

• Anfänge: Fell- und Tierhauthändler kaufen Rinder von Herero und bauen eigene Farmen auf; erste urbane weiße Bevölkerung in Windhoek und Lüderitz und Zuzug von weißen Bur_innen

• Plan einer weitreichenden Siedlungspolitik fur deutsche Farmer_innen und Ausbau zu einer viehzuchtbasierten Wirtschaft

Siedlungsdiskurs stellt vermeintliche ökonomische Rationalitat der Kolonialisierung Deutsch-Südwestafrikas wieder her

Konflikte mit Herero und Nama als Teil und/oder Auswirkung der Siedlungspolitik:

– Konflikte um Weideland

– Verkleinerung des Viehbestandes der Herero durch Ankauf und Raub durch Europäer_innen

– Der Eisenbahnbau und Vergrößerung von deutschen/ europäischen Farmen verlangen nach Arbeitskraft (Schwarze Menschen wurden zur Zwangsarbeit gezwungen)

Beraubung der ökonomischen und sozialen Lebensgrundlage der Herero zusammen mit einem Ausbau der Nachfrage nach Rindern und Arbeitskraft

1897 kommt es zu einer Verschärfung des Konflikts durch eine Epidemie, welche die Rinderherden der Herero erfasst und einen grossen Teil tötet, diese Epidemie wurde zur gewaltsame Verdrängung der Herero und Nama in „Reservate“ im Rahmen der „reservation Policy“ instrumentalisiert

Reservation Policy 1897 (unter Theodor Leutwein): Gewaltsame Verdrängung der Herero und Nama in abgegrenzte Gebiete zur Aneignung von deren Land und Tieren durch weiße Farmer*innen. In den „Reservaten“ herrscht durch die auferlegten Beschränkungen und dem Entzug der Existenzgrundlage Armut und Hunger

die Siedlungspolitik ist zusammen mit anderen Gründen ausschlaggebend für den Krieg zwischen der deutschen Kolonialmacht und den Herero und Nama der im Genozid (1904-1907) der Herero und Nama resultierte!

Aufstand der Herero

angeführt durch Samuel Maherero, im Januar 1904: Herero greifen Europäer_innen und vor allem deutsche Farmer_innen an

• Reaktion des deutschen Reiches: Bestrebungen zur Vernichtung sämtlicher Strukturen der Kolonisierten und Errichtung einer stabilen Siedlungskolonie, Deutsche instrumentalisieren den Widerstand der Herero, um die koloniale Gewalt als Reaktion auf deren kriegerische Handlungen zu rechtfertigen. (Umkehrung und Vertuschung des eigentlichen Verhältnis von Aggressor_innen-Geschädigten)

• Lothar von Trotha, als neuer Kommandant der „Schutztruppe“ befiehlt Niederschlagung und Vernichtung der Herero:

Gefecht von Ohamakari/ Schlacht am Waterberg (11. August 1904)

Zurückdrängung/ Flucht der Herero in die Wüste, wo viele sterben

Lothar von Trotha autorisiert deutschen Truppen, dass alle Herero sofort getötet werden können

Aufbau von Konzentrationslagern in denen Zwangsarbeit geleistet werden musste

• Die Nama treten Ende 1904 unter Hendrik Witbooi in den Krieg gegen die deutsche Kolonialmacht ein. Kämpfen bis 1907 unter verschiedenen Anführern.

“Deutsch- Ostafrika”

Quelle: Klein-Arendt, Reinhard, (weiß): Ein Land wird gewaltsam in Besitz genommen. Die Kolonie Deutsch-Ostafrika. in: Becker, Felicitas; Beez, Jigal (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. Berlin:Christoph Links Verlag, S. 28 – 48., 2005

Das Gebiet umfasste die heutigen Länder Tansania (ohne Sansibar), Burundi und Ruanda sowie einen kleinen Teil Mosambiks.

Die Kolonisierung Ostafrikas geht auf Carl Peters zuruck. 1884 startete Peters eine Expedition nach Ostafrika im Rahmen der Gesellschaft fur deutsche Kolonisation (GfdK) und schloss im Zuge dessen mehrere „Schutzverträge“ mit lokalen Herrschern ab. Aufgrund der “Erfolge” Peters, durch den Druck von Interessensgruppen und vor allem durch die sogenannte Kongo-Konferenz (Nov. 1884 – Feb. 1885) in Berlin, bei der deutlich wurde, wie wichtig Kolonien für Deutschland im innereuropäischen Mächtespiel waren, beschloss Bismarck eine Kolonie in Ostafrika zu gründen. Nach der Konferenz in Berlin gewährte der Kaiser am 27.02.1885 den von Peters in besitzgenommenen Gebieten „Reichsschutz“. Die GfdK wurde in Deutsche Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) umbenannt und straffer organisiert, sowie mit mehr Kapital ausgestattet und auch aus der Wirtschaft wurde Interesse bekundet. (S. 30) Die Grenzen der Kolonie Ostafrika entstanden durch Übereinkunfte mit den angrenzenden europäischen Kolonien.

Im September 1888 kam es zum „Araberaufstand“ in Ostafrika, der unter der Führung von Hermann Wissmann niedergeschlagen wurde. (In Berlin-Neukölln ist bis heute, in der Nähe vom Hermannplatz, eine Straße nach Wissmann benannt.) Im Anschluss an den Sieg der Eingreiftruppe über die Aufständischen, wurde mit der Eroberung des Inlandes begonnen.

Am 01.01.1891 kam es offiziell zur Gründung der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die Eingreiftruppe Wissmanns wurde kurz darauf zur „Kaiserlichen Schutztruppe“. Um 1900 war die Kolonie vollständig unter der Kontrolle der „Schutztruppe“. Die Kolonie warf allerdings lange nicht die erhofften Gewinne ab, weshalb es ab 1894 zu einer Reihe von verschiedenen Steuern kam, die über die indigene Bevölkerung erhoben wurden. Der Übergang von der traditionellen zur kolonialen Wirtschaftsweise zeigte sich besonders in der Einführung des Steuersystems und der damit stark verbundenen Zwangsarbeit. Ein weiterer Punkt war die großflächige Landenteignung.

Der Maji-Maji-Aufstand

Quelle: Beez, Jigal (2005): Mit Wasser gegen Gewehre. Die Maji-Maji-Botschaft des Propheten Kinjikitile. in: Becker, Felicitas; Beez, Jigal (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 61 – 73.
***zum Autor, Beez, Jigal: Dr. Jigal Beez wurde 1969 in Kiel, Deutschland geboren und ist ein weißer Ethnologe und Swahili-Dozent.

Der Maji-Maji-Krieg gilt als eine der größten antikolonialen Erhebungen im Süden Deutsch-Ostafrikas: Insgesamt etwa 20 lokale Gruppen schlossen sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft zusammen und führten zwischen 1905-1907 gegen diese einen Guerilla- Krieg. Die Zahl der Getöteten werden auf zwischen 75.000 und 300.000 geschätzt (davon 15 Kolonisatoren). Allerdings starb die Majorität der Opfer des Aufstandes nicht durch Gewehrkugeln, sondern durch Hunger, weil die deutsche „Schutztruppe“ 1907 damit begonnen hatte, Dörfer, Felder und Wälder niederzubrennen! Diese Art der Kriegsführung wird heute „Strategie der verbrannten Erde“ genannt.

Die breite Allianz zwischen Angehörigen verschiedener lokaler Bevölkerungsgruppen wurde durch eine Vision des Heilers Kinjikitile Ngwale und die Verbreitung der Maji-Maji-Botschaft ermöglicht!

Verbreitung der Maji-Maji-Botschaft:

Die Botschaft des Maji wurde von Boten (Hongos) verbreitet. Maji bildete durch seinen breiten Wirkungsgrad leichte Zugänglichkeit die Grundlage für die Bildung von Allianzen zwischen den verschiedenen lokalen Bevölkerungsgruppen.Durch Initiationsriten wurden teilweise sehr heterogene Gruppen in die Maji-Maji-Bewegung aufgenommen, Konflikte beigelegt und die Bekämpfung der deutschen Kolonialherrschaft zum gemeinsamen Ziel. Dies geschah nicht immer freiwillig und nicht nur aus Glauben an die Wirkkraft des Maji. Einige wollten sich schon lange gegen die Deutschen erheben und sahen in der Maji-Maji-Bewegung eine gute Gelegenheit dazu. In Gebieten in denen es schon zu Zusammenstößen mit der Kolonialarmee gekommen war, stieß die Ausbreitung der Bewegung jedoch an ihre Grenzen. Die Hehe hatten beispielsweise schon früher kgegen die Deutschen große Verluste erlitten.

Ausbruch und Verlauf des Krieges:

– Am 16.07.1905, etwa ein Jahr nach seiner Vision, wurde Kinjiktile nach einer Unruhe als vermeintlicher Drahtzieher verhaftet.

– Seine Gefolgsleute beschlossen, sofort anzugreifen und begannen am 20.7.1905 die, unter Zwangsarbeit angepflanzten, Bauwollpflanzen auszureißen, da sie ein Symbol für Fremdherrschaft und Ausbeutung waren.

– Die entsandten (nichtdeutschen) Ordnungskräfte waren in der Unterzahl und wurden besiegt.

– Nachdem über 1000 Maji-Maji Krieger den Küstenort Samanga angegriffen hatten, begannen die Deutschen die Kämpfe ernst zu nehmen und ermordeten am 4. August 1905 einige für den Krieg verantwortlich gemachten Heiler, darunter auch Kinjikitile. Sie wurden gehängt.

– Vor allem durch die Maschinengewehre der Deutschen, konnten die zahlenmäßig überlegenen Maji-Maji Krieger besiegt werden

Kamerun

Quelle: “Cameroon: Capitalism and Colonialism” in The German Colonial Empire by Smith D. Woodruff (white) (1978).

Introduction

– German ”protectorate” over Cameroon established in 1884, but German presence long before (e.g. missionaries)

– Constant competition between Germany and Great Britain (main colonial power) over the colonial world, but occasionally also collaboration

Form of colonization in Cameroon: “forced capitalist development”

– Developed mainly under the governance of Jesko von Puttkamer over Cameroon (1894-1906)

Linked to German interests in the rubber and mining industries

Carried out through land expropriation, establishment of plantations (e.g. palm oil), imposition of taxation

­‐> this forced the inhabitants of Cameroon to become wage labourers

‐> A sort of original capital accumulation (cf. Karl Marx) through the use of coercive or semi-­coercive labour

State-­sponsored violence, in the form of military expeditions, in order to subjugate the population and break down resistance and permanent revolts

This form of colonialism was linked to the interests of big German companies -­received concessions from the German state

Educational centres in order to provide Germans with skilled labour-­force

Attempt to create an autochthonous elite, docile to the colonial rulers

Important role played by missionaries in the attempt to germanise a part of the population in Cameroon

– This form of colonialism met resistance from other economic forced within the German colonial logic

Intra-­colonial conflicts were visible in the political debates in the German Reichstag throughout the German colonial period

The people of Duala

Living on the coast of Cameroon

– Complex role as commercial intermediaries between the hinterland and the German colonizers

– Intrinsic for the development of German commercial colonialism

– Maintenance of these indigenous economic webs brought about a certain independence of the indigenous population vis-­à­‐vis the German intruders

With time these African commercial forces came into conflict with the expansion of German capitalism in Cameroon

– Eventuality became annihilated by the colonizers

Final words

Economic interests of the German ruling class promoted colonialism in Cameroon

– Regardless of form, colonialism always meant violence and slaughter, destruction of    non‐European structures of society, economy and knowledge, and subjugation of the indigenous populations vis-­à­‐vis the German colonial rulers

-Anti-colonial resistance of the inhabitants of Cameroon could have been dealt with more extensively in this chapter

Togo

Quelle: “Togo: The ‘Model Colony’” (1978) in: „The German Colonial Empire“ von Smith D. Woodruff (weiß) (S.66-73).

Togo war von 1884-1914 eine deutsche Kolonie und galt in Deutschland lange als “Musterkolonie”. Dieser Ruf ist auf die Verklärung wirtschaftlicher, politisch-administrativer und gesellschaftlich-kultureller Gegebenheiten zurückzuführen.

Die wirtschaftlichen Gründe, die deutsche Kolonialist_innen anführten, sind der Überschuss an Staatseinnahmen gegenüber den Staatsausgaben und das sowohl militärische Feldzüge ins Landesinnere, als auch der Ausbau von Transportwegen von lokalen Steuern finanziert werden konnte. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Staatseinnahmen durch Zwangsarbeit, Unterdrückung und Ausbeutung von den Deutschen erwirtschaftet wurden. Darüber hinaus investierten die Deutschen in die Transportwege, um den eigenen Handel zu verbessern und daher schließlich die Ausbeutung zu vereinfachen. Zudem waren die Transportwege qualitativ sehr schlecht, sodass sie, nachdem dir Deutschen ihre Kolonien verloren, nicht mehr genutzt werden konnten. Schließlich ist ebenso zu beachten, dass auch der Ausbau der Transportwege auf Zwangsarbeit beruhte.

Die politisch-administrativen Gründe, die deutsche Kolonisator_innen anführten, um Togo zu einer „Musterkolonie“ zu erklären sind das effiziente Regierungs- und Verwaltungssystem, welches in Togo vor der deutschen Besatzung vorherrschte und die lokalen Geschäftsmänner und Herrscher, die schon seit Jahrzehnten mit Europäern handelten. Diese Strukturen konnten von den deutschen Kolonisator_innen für die eigenen Zwecke missbraucht werden. So wurde den togolesischen Machthaber_innen von den Deutschen eine gewisse Autorität zugesprochen. Jedoch diente diese Herrschaftsform der „indirect rule“ lediglich den Deutschen, da sie zum Einen günstiger ist und zum Anderen den Deutschen immer noch die Macht zugesteht, die togolesischen Herrscher zu kontrollieren. Aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse, die der Kolonialismus zwangsläufig mit sich bringt, kontrollieren die Deutschen auch die Wirtschaft, trotz des Jahrzehntelangen Handels mit togolesischen Geschäftsmännern.

Die gesellschaftlich-kulturellen Gründe, welche von deutschen Kolonisator_innen angeführt wurden beruhen auf der Verklärung von Kolonialisierung. So wurde beispielsweise angeführt, dass es durch die deutsche Besatzung und das deutsche Bildungssystem eine vergleichsweise geringe Analphabet_innenrate in Togo gab. Hierbei ist aber zu verdeutlichen, dass den Togoles_innen durch das deutsche Bildungssystem deutsche Vorstellungen, Werte und Ordnungsstrukturen aufgezwungen wurden.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Togo von den Deutschen militärisch besetzt wurde und dass das Hinterland durch Feldzüge gewaltsam in Besitz genommen wurde. Auch die Ausbeutung wurde mit Hilfe von Gewalt und angedrohter Gewalt gesichert und durch Zwangsarbeit gewährleistet. Ebenso wie bei anderen Kolonien auch, basierte der deutsche Kolonialismus in Bezug auf Togo daher auch auf Ausbeutung, ungleichen Machtverhältnissen, Zwangsarbeit, Unterdrückung, Brutalität und aufgezwängten Ordnungs- und Wertvorstellungen.

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