Wer wir sind

Liebe Leser_innen,

Es wird einige von Euch überraschen, dass im Wintersemester 2015/2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Seminar mit dem Titel „Die deutsche Kolonialgeschichte“ stattgefunden hat. Tatsächlich ist es schockierend, wie selten eine Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte an deutschen Bildungsinstitutionen erfolgt. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich hierbei um eine bewusste Verdrängung deutsch-kolonialistischer Aggressionen aus Lehrplänen, akademischen Debatten und schließlich Köpfen handelt.

Gleich in unserer ersten Sitzung stellten wir fest, dass viele von uns sehr wenig oder gar kein Vorwissen zur deutschen Kolonialgeschichte hatten, bzw. dass das vorhandene Wissen von eurozentristischen und rassisitischen Denkmustern beeinflusst war. In der Schule oder im Studium hatten wir nur relativierende oder beschönigende Informationen zu diesem wichtigen Abschnitt deutscher Geschichte gelernt, dessen Einfluss und Folgen bis in die Gegenwart reichen.

Wissen wird im deutschen Bildungsbetrieb, zum weitaus größten Teil von Weißen[*] für Weiße re_produziert. Zumeist sind die Lehrbeauftragten weiß, die Lehrpläne werden von Weißen gestaltet, die Texte, die wir lesen, wurden von weißen Autor_innen geschrieben usw.

Trotz bzw. aufrgund dieser eigentlich unübersehbaren Dominanz, wird Weißsein in Deutschland kaum thematisiert. Durch diese Nichtbenennung durchdringt es gesellschaftliche, politische und kulturelle Strukturen und wird so als universelle Norm etabliert. Das Benennen der Privilegien, die weiße in Bezug auf Rassismus haben, stößt bei weißen Personen oft auf Widerstand und führt zu Abwehrreaktionen, obwohl eine systematische und strukturelle Privilegierung von weißen Personen nicht geleugnet werden kann.

Mit diesem Blog wollen wir auf den Missstand diesbezüglich an der Humboldt -Universität zu Berlin aufmerksam machen. Wir wollen die Leser_innen dazu einladen, sich über die deutsche Kolonialgeschichte zu informieren und zu einem kritischen Umgang mit der Herkunft und der Produktion von weißem Wissen, welches an der Humboldt-Universität häufig als neutral und objektiv ausgewiesen wird, aufrufen.

Gleichzeitig soll dieser Blog unter der Rubrik “Speak Out!” eine Plattform bieten, auf der sowohl HU-Studierende als auch Lehrende und Besucher_innen kolonial-rassistische Seminar – und Vorlesungsinhalte melden, diskutieren und dekonstruieren können.

Selbstpositionierung

Wir, die Initiatorinnen dieser Seite, profitieren durch unsere Sozialisation als ableisierte, deutsche, weiße CisFrauen* von einem rassistischen Herrschaftssystem, denn in Bezug auf Rassismus haben wir uns immer in einer bevorzugten/privilegierten Position befunden.

Unser Verhältnis zum globalen Süden ist durch den europäischen Kolonialismus geprägt: Als Nachfahren von weißen Besatzer_innen profitieren wir noch immer von den Kontinuitäten des Kolonialismus. Als Studierende offenbart sich uns diese Privilegierung insbesondere im wissenschaftlichen Betrieb.

Beispielsweise haben wir als weiße Personen stets gelernt uns als Individuen und nicht als Repräsentantinnen einer bestimmten Gruppe wahrzunehmen, weißes Wissen als universal und maßgebend zu betrachten und nicht-weißen Menschen als fremd, anders und unterlegen zu begegnen, denn Rassismus funktioniert über Hierarchisierung und eine wertende Gegenüberstellung: durch die Abgrenzung von den anscheinend defizitären Anderen, soll die eigene weiße Gruppe aufgewertet, versichert und gestärkt werden.

Das Privileg weiß zu sein, können wir nicht einfach ablegen, Rassismus wirkt strukturell!

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir als privilegierte Einzelpersonen, keine Verantwortung tragen und nicht handeln müssen. Im Gegenteil: wir können unsere Vorgeschichte und Bildung kritisch reflektieren, andere Perspektiven auf Ereignisse recherchieren und erfragen, Betroffenen ZUHÖREN und uns von rassistischen Denk- und Handlungsmustern distanzieren. Es geht darum bereit zu sein, Forderungen und Kritik von Schwarzen und PoC anzunehmen und zu akzeptieren. Dazu ist es allerdings auch dringend erforderlich, dass Theorien zu Privilegien, Rassismus und Weißsein ein viel höherer Stellenwert im deutschen Bildungssystem zugesprochen wird.

Es ist uns wichtig zu kennzeichnen, dass viele der hier geteilten Informationen, von Schwarzen und PoC* erarbeitet wurden und es ihre Aktionen, Analysen, Texte und Kritik waren, die uns auf das Thema aufmerksam gemacht haben. Weiße haben sich schon viel zu häufig die Arbeit und Kenntnisse von PoC und Schwarzen angeeignet, um sie anschließend als persönliche Errungenschaften auszugeben.

Insbesondere möchten wir auch unserer Dozentin und den anderen Seminarteilnehmer_innen danken, durch deren Arbeit, Wissen, Redebeiträge im Seminar und in ihren Handouts (einige eurer Handouts sind zum Beispiel direkt unter der Rubrik „Deutsche Kolonialgeschichte“ zu finden) die Erstellung dieses Blogs erst möglich wurde!


[*] Schwarz und weiß beschreiben keine biologischen Eigenschaften, sondern eine  politische und soziale Position in einem gesellschaftlichen System in Bezug auf Rassismus und Kolonialismus. Mit weiß soll eine dominante Position markiert werden, da  weiß-sein mit einer strukturellen Privilegierung in Bezug auf Rassismus einhergeht.  Schwarz gilt als  eine  emazipatorische Selbstbezeichnung. Bei den angeblich „natürlichen Differenzen“ zwischen Schwarzen und weißen Personen handelt es sich um soziale, pseudowissenschaftliche Konstruktionen. Es geht also nicht darum die „Hautfarbe“ und körperlichen Merkmale einer Person zu beschreiben, sondern sie in einem gesellschaftlichen System zu verorten.
[*] PoC: Politikformen und Personen, die sich mit dem People of Color Begriff verbinden und/oder bezeichnen, haben ihren Ausgangspunkt in verschiedenen rassistisch strukturierten, also von weißer Dominanz geprägten Gesellschaften. Der Begriff ermöglicht, die koloniale Strategie des Teilens (zwischen verschiedenen nicht-weißen Gruppen) und Herrschens zu überwinden, indem er Menschen mit ähnlichen Erfahrungen bezüglich Rassismus zusammenbringt.

Literatur, die uns beim Schreiben dieser Selbstpositionierung, der Rubrik „Sprache und Macht“, sowie der Einleitung zur Rubrik „Die Deutsche Kolonialgeschichte“ informiert, gelehrt, inspiriert und weitergeholfen hat:

Aikins, Joshua Kwesi/ Hoppe, Rosa (2015): Straßennamen als Wegweiser für eine postkoloniale Erinnerung in Deutschland, in: Arndt, Susan/ Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.), Wie Rassismus aus Wörter spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast Verlag, 1. Aufl., S.521-538.
Arndt, Susan (2002): Weiß-Sein als Konstruktion des Rassismus und als Kategorie, in: Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Berliner Programm. Beiträge 2002, Berlin: S. 169-178.
Kuria, Emily Ngubia (2015): eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen. Berlin: w_orten & meer GmbH.
Wachendorfer, Ursula (2001): Weiß-Sein in Deutschland. Zur Unsichtbarkeit einer herrschende Normalität, in: Arndt, Susan (Hg.), AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster: S. 87-101.
Walgenbach, Katharina (2009): ‚Weißsein‘ und ‚Deutschsein‘ – Historische Interdependenzen, in: Arndt, Susan/ Eggers, Maureen Maisha/ Kilomba, Grada / Piesche, Peggy (Hg.), Mythen, Masken und Subjekte, Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster: Unrast Verlag, 2. Aufl., S. 377-393.

 

http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/
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